Tobias Radloffs Newsletter

Liebe Newsletterleserin, lieber Newsletterleser,

neulich wurde ich gefragt, warum ich eigentlich nicht auf Instagram, TikTok oder anderen sozialen Medien zu finden bin und ob ich es mir als Autor ohne großen Verlag im Rücken überhaupt leisten kann, die (vermutlich) wichtigste Möglichkeit zur Selbstvermarktung links liegen zu lassen.

Die kurze Antwort lautet: Social Media macht mich unglücklich.

Vor einigen Jahren fasste ich den Plan, meinen Roman "Amoralisch" mittels einer Crowdfunding-Kampagne zu finanzieren. Um die Erfolgschancen zu steigern, überwand ich meine Abneigung gegen Datenkraken aller Art und registrierte mich bei Facebook. Das ging ein paar Monate lang gut, aber irgendwann stellte ich fest, dass ich jedes Mal, wenn ich durch meinen Feed gescrollt war, schlechtere Laune hatte als vorher.

Zum Beispiel ärgerte ich mich über mich selbst, weil ich schon wieder eine Stunde länger als geplant in der App verbracht hatte. Ich setzte mich ständig unter Druck, etwas Neues zu posten, auch wenn ich gar nichts zu sagen hatte. Vor allem aber konnte ich nicht damit aufhören, mich mit anderen zu vergleichen – und bei diesen Vergleichen zog ich immer den Kürzeren. Auf Social Media sind nämlich alle erfolgreich, ernähren sich gesund, hören die angesagtesten Bands und haben im Urlaub nur Sonnentage. Ich dagegen hatte um 15 Uhr immer noch keine Hose an, da war ein fieser Pickel auf meiner Nase und drei neue Absagen in meiner Inbox, und dann hatte einer der Kater auch noch auf mein Bett gekotzt …

Dass das Gift fürs Selbstwertgefühl ist, kannst du dir vermutlich denken. Und da ich ohnehin schon genug mit negativen Emotionen zu kämpfen hatte (Stichwort Depression), zog icheinen Schlussstrich: Ich lud alle Daten herunter, die Facebook von mir in den paar Monaten gesammelt hatte, löschte mein Konto und schaute nicht mehr zurück.

Wahr ist aber auch, dass diese Soziale-Medien-Abstinenz gewisse Kosten mit sich bringt: Ohne Instagram, Tiktok & Co. kann ich nicht mit großem Tamtam mein neuestes Titelbild enthüllen. Ich kann keine Buchtrailer veröffentlichen, Leserunden abhalten oder Abstimmungen und Verlosungen durchführen. Challenges und Kettenposts kommen für mich nicht in Frage. Ich kann kein direktes Feedback einholen, keine Kooperationen mit anderen Autor:innen aushecken und keine Werbeanzeigen schalten. Ich bin sicher, dass ich mit einer halbwegs ausgegorenen Social-Media-Strategie meine Bekanntheit steigern, neue Leser:innen gewinnen und mehr Bücher verkaufen könnte.

Aber da ich kein Social Media mache, fällt das alles für mich weg. Somit bleiben mir als Vermarktungskanäle dieser Newsletter, meine Webseite und natürlich die Lesungen, die ich in Person gebe. Das ist nicht nichts, aber auch nicht beliebig viel.

Kein Wunder, dass ich mich regelmäßig aufs Neue frage, ob ich nicht doch zu Facebook oder Insta zurückkehren sollte. Könnte es nicht sein, dass ich mittlerweile besser damit umgehen kann? Dass die Depression heute besser ist als vor zehn Jahren? Dass ich mich einfach mehr am Riemen reiße, und dann klappt es schon?

Doch das ist Augenwischerei. Wenn überhaupt, ist der Druck in den sozialen Medien heute noch krasser als vor zehn Jahren. Und was meine Resilienz angeht – schon das regelmäßige Newsletterschreiben kostet mich mehr Zeit und Kraft, als ich zugeben will …

Ein soziales Netzwerk gibt es allerdings, für das ich eine Rückkehr tatsächlich in Betracht ziehen würde. Ich spreche natürlich von Mastodon. Das basiert auf offenen Protokollen und Open-Source-Software, wird ohne Gewinnabsicht betrieben und kommt dadurch komplett ohne Werbung, Filterblasen oder algorithmisch zusammengestellte Feeds aus. Ein paar der Fallstricke würden dadurch also zumindest abgemildert. Leider hat auch Mastodon einen Haken: Im Vergleich zu Facebook oder Instagram sind die Nutzerzahlen winzig.

Damit könnte ich leben, aber am Ende des Tages ist Mastodon trotz allem ein soziales Netzwerk, und es besteht die Chance, dass es mich genau so unglücklich machen würde wie seinerzeit Facebook – und das würde ich dann doch lieber vermeiden …

Ich habe mich noch nicht entschieden, ob ich Mastodon tatsächlich ausprobieren sollte oder ob ich lieber auf Nummer Sicher gehe. Aber sollte ich es irgendwann tun, erfährst du es hier im Newsletter ;-)

Viele Grüße
Tobias

P.S.: Wo ich doch eben gerade von Lesungen sprach: Am kommenden Samstag gebe ich eine Science-Fiction-und-Fantasy-Lesung im Planetarium Potsdam, zusammen mit Patrick Weber und Anna Laura Jacobi.


Tobias Radloff, Schriftsteller
https://tobias-radloff.de

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